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Spontan nach Indien, um den mystisch aussehenden Goonch zu überlisten? Na klar! Also planten wir recht fix unsere erste Reise nach Indien. Sonne tut gut, einen Goonch zu fangen ist eine spitzen Aussicht, doch was weiß man eigentlich über Indien? Das Land der Gegensätze hieß es – schrecklich und schön zugleich. Natur, Tiere und Kleidung in bunten Farben, Sonne, Ruhe, unterschiedlichste Religionen, Tempel, Nationalparks, Gold, Industrie, Wirtschaftsboom, Bevölkerungswachstum, Demokratie, Vergewaltigung, Gewalt, Armut… Was also konnten wir erwarten? Wir beschlossen Indien einfach auf uns zukommen zu lassen. Gerry, der mit uns reiste und schon vorher in Indien zum Goonchangeln gewesen ist, begeisterte uns bei der Planung direkt durch seine Vorfreude!

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Also ab in den Flieger und tatsächlich kamen wir alle inklusive Gepäck und Rutenrohr in Delhi an. Der Blick aus der Luft auf die schlafende Millionenstadt war gigantisch. In alle Himmelsrichtungen erstreckten sich die Lichter bis zum Horizont. Also schnell diese riesige Stadt mit unserem Fahrer noch im Dunklen hinter uns lassen und ab ins Land, ab ans Wasser. Auf den Straßen herrschte große Betriebsamkeit – LKW, Autos, Gefährte, Tiere, Männer, Frauen, Kinder. War das normal? Schliefen die Inder nicht? Nach über 30 Stunden Anreise waren wir dann endlich am Wasser. Nach dem wir die ersten Köderfisch – Mahseer gefangen hatten, brachten wir total erledigt, aber zufrieden und frohen Mutes die Ruten im letzten Tageslicht aus. Die Fische gönnten uns die Ruhe und so konnten wir erst einmal ausschlafen.

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Der nächste Tag startete mit einem super Frühstück bei warmen Temperaturen im Freien vor unserm Basecamp – Zelt, in dem sich die bestens ausgestattete Feldküche von unserem gut gelaunten Koch Hukam befand und in dem er mit unserem Fahrer und dem Helfer Sandy auch schlief. Je nachdem welchen Spot wir uns auf unseren Karten sorgfältig ausgesucht hatten und befischen wollten, wurde dieses große gelbe Zelt in unserer Nähe aufgebaut. Manchmal unmittelbar bei unseren Zelten am Ufer, manchmal auch bis zu einem Kilometer weit entfernt. Je nachdem, wie das Ufer des Flusses beschaffen war. Kamal, unser Guide, war immer bei uns am Wasser. Frisch gestärkt machten wir uns tagsüber also ans Mahseerangeln, was sich vom Ablauf auch in den folgenden Tagen nicht änderte. Nur, dass unser Frühaufsteher Gerry gelegentlich schon vor dem Frühstück los stromerte. Generell gestaltete sich das Fangen der Mahseer als Herausforderung und dadurch war es nicht immer leicht, die Ruten täglich frisch beködert raus zu bringen.

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Wenn wir innerhalb von zwei Nächten keine Bisse hatten, zogen wir weiter. Auch wenn ein Platz am Wasser atemberaubender war als der andere und wir jedes Mal wieder dachten, schöner könnte es nicht werden, bot die Natur wahnsinnig viel Abwechslung und unvergleichliche Variationen. So nahmen wir bei unterschiedlichsten Temperaturen immer wieder die schweißtreibenden und anstrengenden Fußmärsche und Wanderungen querfeldein über die Berge und Felsen in Kauf. Wir waren alle dankbar und froh über die Hilfe unseres indischen Teams bei dem Transport vom Lager und Gepäck. Bei weiteren Märschen halfen uns die vorher telefonisch verständigten Trägerfrauen aus den umliegenden Dörfern oder die „Horsemen“ mit ihren Pferden. Eigentlich transportierten sie mit Hilfe ihrer Pferde Sand vom Strand für den Bau von Häusern.

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Am dritten Tag, nach dem ersten Spotwechsel, dann endlich die erste Aktion! Gerry fischte in Campnähe und passte auf die Ruten auf. Martin und ich waren etwas am Fluss entlang unterwegs, um den einen oder anderen Mahseer zu fangen, als der Bissanzeiger Alarm schlug. Gerry stand so unglücklich am Rauschen einer Stromschnelle, dass er nichts hörte. Also schlug Martin an, der am schnellsten über den Felsbrocken zurück an der Rute war, drillte und landete den ersten Goonch der Tour! Ein durchweg muskulöser Fisch von 1,33 m Länge und einem unvergesslichen Anblick. An einen Wallergriff war nicht zu denken, da die beeindruckende Bezahnung des Goonchs jeden Wallerhandschuh durchbohrt hätte. Live übertraf er alle Bilder die man sich zuvor angesehen hatte. Er hatte eine eher dunkle Färbung und eine nicht schleimende, lederartige Haut. Die besonderen Barteln und auch die Fäden an den Spitzen der großen Flossen gaben ihm ein drachenhaftes, mystisches Aussehen, das einen leicht an Figuren chinesischer Legenden erinnerte. Wir machten ordentlich Fotos, ließen den Kameraden seiner Wege ziehen und waren nach dieser Begegnung überglücklich und hochmotiviert. Der nächste Goonch durfte beißen. Bei einer solchen Expedition war Teamwork unerlässlich, also setzte Martin erst einmal aus. Gerry und ich bereiteten uns auf den nächsten Goonche vor. Diese ließ nicht lange auf sich warten und Gerry drillte schon am nächsten Morgen den nächsten Goonch. Die Freude war riesig und die Enttäuschung extrem bitter, als das kräftige Tier kurz vorm Ufer ausstieg. Zudem war diesen Morgen auch der Setzkescher zerstört, so dass die mühsam gefangenen Köderfische verschwunden waren. Das Netz war morsch, so dass ein frecher, inhaftierter Mitarbeiter sich und seinen Freunden den Weg zurück in die Freiheit verschaffen konnte. Aber ein super positiv denkender und nicht zu demotivierender Gerry hatte Recht: „Vorbereiten, weitermachen, der nächste kommt sicher.“

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Dieser ließ jedoch auf sich warten und so hatten wir am Wasser, bei unseren Spotwechseln und den Wanderungen durch die Berghänge viele Gelegenheiten die Dorfbewohner besser kennen zu lernen. Man traf am Wasser sehr viele Einheimische aller Altersklassen. Die Kinder und Jugendlichen waren wirklich neugierig und wir wurden regelrecht belagert. Privatsphäre und Ruhe – Wunschvorstellung. Die Jungs hefteten sich am liebsten bei Martin oder Gerry an die Fersen und die Mädels beobachten das Geschehen meistens mit mehr Abstand. Als ich sie dann aber fragte, wo sie denn wohnen und sie ins Zelt gucken und mein Buch ansehen durften, war das Eis gebrochen und sie trauten sich dichter heran. Viel Spaß hatten sie beim Fotografieren, da man das Bild ja gleich auf dem Display der Kamera sehen konnte. Das Erzählen mit ihnen gestaltete sich ohne Indischkenntnisse recht schwierig, aber es ist doch erstaunlich, was man mit Händen und Füßen – gerade mit so jungen Menschen – alles kommunizieren kann.

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Wenn es im Camp ruhiger war, versuchten wir die Mahseer oder die indischen „Forellen“ (eigentlich sehen sie nur so aus wie Forellen, sind aber keine Salmonidenart) zu überlisten. Oder es gab gemütliche Lemon – Chai – Runden, bei denen man durchaus tobende Affen, kletternde Hunde, knallbunte Vögel und Insekten, Bergziegen oder einen „Horseman“, der die Ufergräser in Brand steckte, beobachten konnte. Das Feuer wurde gemacht, um die Pferde vor einem gesichteten Leoparden zu schützen. Da auch wir in direkter Nähe einen Leopardenangriff auf eine Ziege mitbekamen, machten wir im Dunklen Lagerfeuer, um uns die listigen Kätzchen vom Hals zu halten und unseren Abendbrotmahlzeiten ein super Flair zu verschaffen. Die hauptsächlich vegetarische, indische Küche (Inder essen glaubensbedingt nur Huhn, Ziege und gelegentlich Fisch) war durchweg großartig.

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Wenn ein Spot ohne Zupfer blieb, war es einerseits schwer den Umzug zum neuen Spot auf sich zu nehmen, andererseits waren wir alle bei einem neuen Platz stets guter Dinge und konnten uns wirklich überall an den schönen neuen Anblicken dieses bunten Indiens erfreuen. So waren sogar die Vielzahl farbiger Steine und Felsen verblüffend. Außerdem waren die Wanderungen am Fluss entlang und durch ihn hindurch durchaus Highlights, auf die von uns keiner verzichten wollte.

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Gerry war wieder an der Reihe und endlich gab es den neuen Goonchkontakt. Er drillte souverän und wir konnten einen schönen Goonch von 1,24 m landen. Die Freude war groß und auch dieser Fisch begeisterte uns durch seine andersartige Goonch – Optik.

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Nun fehlte nur noch ein Goonch für mich. Wir waren in der Mitte unserer Reisezeit. Je mehr Tage verstrichen, desto mehr verließ uns der Mut. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt und so benannten wir aus Spaß an jedem neuen Spot immer wieder die Rute, die den ersten Biss bringen würde. Vergebens. Die Tage gestalteten sich immer zäher. Wir hatten tagsüber Temperaturen die uns zusetzten und zur Nachts so weit abfielen, dass uns durchaus kalt war. Die Wassertemperatur kühlte sich von anfänglich 22°C auf 18,5°C ab. Wir probierten die Spots auf allen möglichen Tiefen zu befischen, die Ruten standen akkurat in unseren Eigenbaurutenständern aus Steinen und die Bissanzeiger blieben stumm. Wir nutzen die Zeit, um uns gegenseitig Fragen über Indien, Deutschland und Österreich zu beantworten, tauschten uns über Wetter, Arbeitssituationen und Lebensweisen und vieles mehr aus. Fachsimpelten über die fehlende Beißlaune der Goonche. Waren wir zur falschen Jahreszeit da? War es zu kalt? Goonche verlassen ihre Löcher zum Laichen und wandern im Fluss umher. Vielleicht waren sie auch schlicht unterwegs und wir fischten aufgrund des Wanderverhaltens nur in verlassenen Löchern? Vielleicht waren sie aber auch nicht mehr am Leben. Wir hörten jeden Tag die einheimischen Dynamitfischer und Martin wurde einmal in unmittelbarer Campnähe sogar Zeuge einer Explosion im Wasser. Die Menschen, die hier in sehr einfachen Verhältnissen in den Dörfern lebten, fischten mit allen ihnen möglichen Mitteln. So kannten auch sie die Fisch-Bilder von prominenten Anglern, tauchten in den schmalen, eher flachen Flüssen nach den Goonchen um sie zu fangen. Spannten Netze über den gesamten Fluss oder warfen Dynamit ins Wasser. Ein Goonch war für sie sicherlich ein Hauptgewinn, sie waren schon mit einem Mahseer sehr zufrieden. Sie wussten nicht, dass bei einer Explosion nicht zwangsläufig jeder getötete Fisch an die Wasseroberfläche kommt. Vielleicht haben sie den Goonchbestand drastisch reduziert? Nach unseren bisherigen Begegnungen waren wir uns alle sehr sicher, dass nicht der Goonch das „menschenfressende Monster“ war, als das er oft benannt wurde, sondern der Menschen diese fabelhafte Kreatur an den Rand der Ausrottung gebracht hatte.

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Für die letzte Nacht hatten wir uns ein Flüsschen vorgenommen, von dem wir bis dahin keine Infos hatten. Wir machten uns also in aller Frühe an den beschwerlichsten Aufstieg. Weg vom Fluss, zurück zum Auto, das oben auf dem Berg geparkt war und auf uns wartete. Oben am Berg angekommen, warteten wir auf die Trägerinnen. Dieses bescherte uns eine einmalige Gelegenheit, denn wir wurden von einer Freundin von Kamal, einer sehr alten Dorfbewohnerin, in ihr Haus zum Chai eingeladen. Ich staunte sehr über die alte, fitte Dame, die mühelos Treppenstufen stieg, die so hoch waren, dass man in Deutschland zwei Stufen dafür gemacht hätte. Und wieder einmal beluden wir das Auto bis oben hin mit Gepäck und Menschen. Unsere Trägerfrauen, die uns erneut das Gepäck bis zu 30 kg auf dem Kopf über die unwegsamen Wege bis ans Wasser bringen würden, waren mit dabei. Ebenso einige Kinder, die spontan mit ins nächste Dorf fahren wollten. An steilen Klippen vorbei und unzählige Serpentinen entlang bahnten wir uns mit cooler indischer Mucke (Martin klinkte sich aus und bevorzugte Metal über seinen MP3-Player) und rasanten 30 km/h den Weg durchs Landesinnere. In dem neuen Dorf angekommen, begleiteten uns wieder viele neue Gesichter zum Wasser, wo uns auch Blackface Monkeys an einem wunderschönen letzten Platz begrüßten.

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Und tatsächlich schlug in dieser letzten Nacht der Bissanzeiger Alarm. Mein Fisch! Während des kurzen Drills hatten sich alle am Wasser versammelt. Die Spannung war greifbar. Als das schlangenartige Tier sichtbar und kurz vor der Landung war, sprangen alle rückwärts und Martin schrie nach Kamal: „What’s that?! Is it dangerous?“ Die Antwort war nein und so landeten wir einen Fisch, den wir alle nicht erwartet hätten. Wir bestaunten einen riesigen Traum – Aal, der von der Färbung und der Masse mehr einer Muräne ähnelte, als einem Aal unserer Vereinsgewässer. Er war satte 1,34 m lang und wog unglaubliche 7,0 kg! Ein Fisch, wie ihn auch die Einheimischen vorher noch nie gesehen hatten. Ich war unbeschreiblich glücklich. Wir waren alle aus dem Häuschen und kamen in der letzten Nacht am Fluss nur schwer zu Ruhe. Zu Hause haben wir dann als erstes das Internet auf den Kopf gestellt. Was war das nur für ein Aal? Und tatsächlich fanden wir ihn, den Indian Mottled Eel. Er wird bisher mit 1,20 m Länge und 6,0 kg Gewicht angegeben.

Unsere Rückreise am letzten Tag brachte uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir fuhren über sieben Stunden zurück nach Delhi und sahen auf den Straßen und in der Stadt so allerlei Betonweiten, Dreck, Armut, westliche Industrie, zerstörte Flüsse, Kinder die in Zelten neben der Fahrbahn hausten und bettelten. Es war also nicht gelogen, das Land der Extreme und der Gegensätze.

Viel mehr noch lohnt es sich zu berichten, viel mehr noch haben wir erlebt, aber leider sprengt das jeglichen Rahmen. Eines steht für mich aber definitiv fest: Wenn Indien es schafft, sich die Einmaligkeit des Landes zu erhalten, freue ich mich schon jetzt auf ein Wiedersehen und auf meine erste Begegnung mit meinem persönlichen Goonch.

2 Responses

  1. Clemens Ratschan

    Sehr spannend, vielen Dank für den Bericht! Weisst Du vielleicht wie diese schöne Cyprinidenart genau heißt? Dachte es wäre eine der „snow trouts“, habe aber keine ähnliche Art gefunden.. Clemens

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    • Minca

      Hey Clemens,
      ich habe deinen Kommentar erst eben gesehen, sorry!!!! Wir haben auch ne Weile recherchiert, aber von uns hat auch keiner was vernünftiges gefunden. Also kann ich dir da leider keine Antwort drauf geben :(
      Dennoch freue ich mich aber sehr, dass dir mein bericht so gut gefiel! Vielen Dank!!!
      Liebst, Minca

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