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Tag 1 – Alles ist cool

What the fuck? Das ist nicht Südfrankreich. Das in meiner Hand ist kein Rotwein, sondern eine räudige Dose warmes Schwechater. Wo bin ich? Cassien, wo bist du? Hm, irgendwie wurde meine Urlaubsplanung durcheinander geworfen. Schuld ist – wie immer – der Phantomwaxxler, der Probleme mit der Terminkoordination hatte. Wurscht.

So stapfe ich durch das nasse Gras der Krauthölle und erkundige mich bei anderen Anglern über die Fänge der letzten Tage. Partie 1: Fünf Nächte ohne Fisch, Partie 2: Das selbe in steirisch. Gute Aussichten.

Der Waxxler und ich beeilen uns mit dem Beladen der Boote angesichts des bevorstehenden Ansturms an Anglern, Karpfenproleten und Karpfennazis und wählen eine Stelle mit großer Wasserfläche und vielen verschiedenen interessanten Spots, auf die wir unsere stümperischen Montagen ablegen können. Hier muss doch was gehen. Und so ist es auch: Noch vor Mitternacht liegt ein Schuppi auf meiner nagelneuen Aqua-Abhakmatte.

Da sieht man’s wieder. Ich komme an ein Gewässer und fange die Fische quasi nebenbei, während andere wochenlang blanken. Alle unfähig, außer ich! Doch ich freue mich zu früh.
Der laue Abend wird von Kotelettes, Bratwürsten und Bier versüßt, doch die restliche Nacht bleibt es ruhig. Zu ruhig.
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Tag 2 – Niederlage
Am Morgen die Ernüchterung: Meine beiden Montagen liegen völlig verdreht und verheddert irgendwo im Kraut, die Bleie ausgeklinkt, ohne dass ich auch nur einen Pieper erhalten hätte. Wie sagt der Lotz immer so schön? “Karpfenangeln weckt Emotionen”. Leider nicht immer nur die positiven.

Ich bin den ganzen Tag über missmutig und muss die Frotzeleien des Waxxlers über mich ergehen lassen. Da fehlt es gerade noch, dass wie aus dem Nichts ein Angler aus Deutschland auftaucht und mit einer filterlosen Zigarette im Mund unsere Spotauswahl beurteilt: “Die Rude hier liegt jut, da könnt’ was gehen. Aber die rechte, die gefällt mir gar nicht, die liegt ‘n bisschen blööööööde.”

Der Kollege hat anscheinend Mitleid mit uns Kreaturen und so hält er es für angebracht, uns über das Gewässer genauestens aufzuklären. Wir sind baff angesichts seiner Fachkenntnis. Wie schade, dass ihn ein Pieper seiner eigenen Bissanzeiger in Laufschritt versetzt und er schon nach 45 Minuten Aufklärarbeit unseren Platz verlässt.
Am Nachmittag folgt eine Bootstour zum Zwecke der genauen Location, genau so wie es die Profis in den Magazinen machen. Polbrille und Proddingstick inklusive. Dann werden die Montagen peinlichst genau platziert und mit feinstem Futter garniert. Very crafty!

Der Vollmond macht die Nacht zum Tag und sorgt für einige interessante Fotomotive, zum Beispiel mich beim Lesen.

Gegen eins geht’s auf die Liege, geweckt werden wir allerdings nicht von kreischenden Receiverboxen, sondern von den Sonnenstrahlen des Tages. Übrigens hat auch der deutsche Kollege keinen Karpfen auf die Schuppen legen können.

Ich entdecke, dass eine Maus meinen Vorratsbeutel angefressen und etwa ein Drittel meiner Nahrungsreserven ungenießbar gemacht hat. Fuck!

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Tag 3 – Es geht bergauf

Rutenkontrolle per Boot. Alles liegt noch am selben Platz. Kein Biss auf vier Ruten. Für den Waxxler ist es Zeit zu gehen, ich entscheide mich nach der wehmütigen Abschiedszeremonie für einen Platzwechsel. Es handelt sich um eine meiner Lieblingsstellen mit Blick auf das gesamte Gewässer.

Während ich aufbaue, bevölkert eine Dreierpartie den Triumphbogen und fischt genau die Plätze an, die wir befüttert hatten. Damit habe ich kein Problem. Im Gegenteil. Ihre Fänge werden mir Aufschluss darüber geben, ob der Platzwechsel zu voreilig war.

Ich beschließe, den ganzen Tag nicht zu fischen und stattdessen das Gewässer und die Züge der anderen Angler zu beobachten. Denn man kann von allen etwas lernen, auch wenn es im Endeffekt nur darum geht, die Fehler der anderen zu vermeiden. Im Laufe der nächsten Stunden kommen noch zwei weitere Gruppen Angler, die aber auf Sicherheitsabstand bleiben.

Nun ist es wieder Zeit für eine ausgiebige Bootstour. Von meinem Swim aus kann ich sowohl das flache, hindernisreiche Südüfer als auch das steinige, steil abfallende Nordufer befischen. An den überhängenden Bäumen finde ich zwei vielversprechende Spots in kaum einem Meter Wassertiefe. Am Nordufer vermute ich fressende Teichferkel direkt unt der Kante. Hier befindet sich ein schmaler Streifen, auf dem der Grund einigermaßen gerade verläuft, bevor die Krautfelder wieder beginnen. Da ich aber nur mit zwei Ruten angeln darf, beschließe ich, in dieser Nacht nur die zwei Spots am Südufer zu befischen und den anderen unter Futter zu halten.

Der Tag vergeht schreibend und beobachtend. In meinem Bereich des Sees ist es mit vier Anglergruppen (mich inklusive) schon recht voll. So sehr ich Ruhe und Einsamkeit beim Fischen mag, so reizvoll kann es auch sein, in Konkurrenz mit anderen Anglern zu fischen. Da kommt der Wettkampfangler in mir wieder durch.
Mir am nächsten sitzen ein paar Herren mit Kind und Hund. Typische Sonntagsangler ohne Bootseinsatz, die einfach nur ein paar Nächte am Wasser genießen wollen und in keinster Weise stören. Die drei Karpfenanglerpartien konzentrieren sich auf einen Bereich des Gewässers, der ein paar schöne große Plätze zum Aufbau ihrer Zelte bietet. Die Gruppe vom Nordufer legt ihre Montagen zum großen Seerosenfeld, quasi vor die Füße der Angler am Südufer. Diese hingegen befischen eine kleine Bucht zu ihrer Rechten. Ein lächerliches Szenario, das mich in die vorteilhafteste Position von allen bringt, denn schließlich habe ich fast das gesamte Becken für mich alleine.

Kurz nach 7 ist alles erledigt. Die beiden Rigs liegen an ihren Spots nahe der Bäumen, garniert mit jeweils etwa einem viertel Kilo feinster Boilies, ganz und zerstückelt. Außerdem habe ich an der Kante am Nordufe einen guten Kilo Baits verteilt.

Endlich legt sich die drückende Hitze und mein Platz ist in Schatten getaucht. Noch vor Einbruch der Dunkelheit Alarm! Es folgt ein harter Krautdrill, dann liegt der Schuppi auf der Matte. Jawohl!

Im allgemeinen Chaos verliere ich die Objektivabdeckung meiner Kamera, doch ich habe keine Zeit, sie zu suchen. Ich schaffe es gerade noch, die Rute im letzten Tageslicht neu abzulegen, doch keine Stunde später sitze ich wieder drillend im Boot. Diesmal kann ich einen feisten Spiegler auf der Speicherkarte der Nikon verewigen. Ich wurde für meine Anstrengungen belohnt. Wie sagt der Engländer? Effort = Success!

Im Laufe der Nacht fange ich noch einen weiteren kleinen Spiegler.

Einen Fisch ähnlicher Größe verliere ich ärgerlicherweise nach hartem Kampf in den verdammten Ästen.
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Tag 4 – Clarissa und Jacqueline

Ich erwache erst um 10 Uhr vormittas. Am Ufer hat sich nichts geändert. Die vielen Angler sind immer noch da. Nach einem Kaffee entschließe ich mich für ein Bad im See. Danach bin ich noch dreckiger als vorher, aber erfrischt. Ich nehme das Areal in Augenschein, in dem ich den Fisch verloren habe und schaffe es, einige der morschen Äste zu entfernen.

Meine Boilie- und Nahrungsvorräte gehen langsam zur Neige. Ich habe nur noch etwa 2,5 kg Kugeln, und für mich bleiben nur noch zwei Trockenwürste und ein Fertiggericht.

Am Nachmittag kündigt sich ein Gewitter an, und ich versuche, die Ruten noch vor dem Regen auszulegen, doch ich schaffe est nicht, und die Montagen bleiben an Land, während es draußen schüttet. Coffeetime.

Das Sommergewitter verschwindet schnell und hinterlässt einen kühlen Wind. In mir regt sich der Tatendrang. Ich befüttere meine Stellen und lege die Montagen ab. Den Spot am Nordufer will ich mir für die finale Nacht aufsparen, versorge ihn aber wieder mit einem guten Kilo Kugeln.

Ich lege mich bereits früh auf mein Bedchair und genieße die Ruhe der Nacht. Diese wird jedoch jäh unterbrochen. Zweige knacken, und ich vernehme Stimmen. Ausgelassenes Gelächter, zwei verrückte Frauenstimmen. Was zum Teufel ist hier los? Ich mache mich bereits auf eine Nacht voller Partygeräusche gefasst, als der Lärm plötzlich abflaut. Als ich zufällig die Augen öffne, stehen zwei Gestalten vor meinem geöffneten Zelt. Ich fahre hoch und greife in der selben Bewegung den Bankstick, der immer neben meiner Liege bereit liegt, um die vermeintlichen Tacklediebe in die Flucht zu schlagen. Gleichzeitig blitzt meine Kopflampe auf und verhindert das Schlimmste. Fast hätte ich zwei unschuldigen Mädels den Edelstahl über die Rübe gezogen.
“Hi”, sagt die eine.
Ich mustere sie im fahlen Licht der Lampe. Durchaus nicht übel. Etwa 1,73 groß, schlank, lange blonde Mähne.
“Ich bin Clarissa”, sagt die andere. Fast genauso groß, aber mit dunklem, zu einem Pferdeschwanz zusammen gebundenem Haar. “Das hier ist meine Schwester Jacqueline.”
Die beiden haben eine Flasche Absolut Vodka bei sich.
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Tag 4 – Clarissa und Jacqueline (II)
Mein körperlicher Zustand – fettige Haare, unregelmäßige Bartstoppel, verkrusteter Dreck auf Armen und Beinen – scheint die beiden nicht zu stören. Sie setzen sich vor meiner Liege ins nasse Gras. Gut, brauch ich wenigstens nicht aufzustehen und Platz zu machen.
“Wir wohnen gleich hier oben hinter dem Bauernhof”, erklärt Clarissa. “Wir schmeißen heute eine kleine Party und wollten eigentlich unsere Freundin Dirty Diana suchen. Die ist vor einer halben Stunde oder so einfach abgehauen.”
“Na, hier war sie auf jeden Fall nicht”, sage ich.
Doch anscheinend finden es die beiden gemütlich und machen keine Anstalten zu gehen. Schon bald ist die Flasche geleert und ich klage den beiden mein Leid. Dass ich seit Tagen nur von Fertiggerichten und Mineralwasser lebe. Dass das Cola, das Bier und auch fast schon die Zigaretten aus sind.
“Komm doch einfach mit uns”, schlägt Jacqueline vor.
Ich überlege kurz und sage den beiden ab: “Nein, ich möchte noch einen der ganz Großen fangen. Big Fish Hardcore Hunting, versteht ihr?”
“Ach komm, die depperten Karpfen sind ja morgen auch noch da. Bei uns kriegst wenigstens was Ordentliches zu essen… und noch viel mehr.”
“Wo du recht hast, hast du recht”, sage ich angesichts der Vorstellung von saftigem Schweinebraten, Kartoffeln und Semmelknödeln. Auch ein kühles Bier könnte ich jetzt vertragen, denn der Vodka ist schließlich nix für den Durst.
Ich hole die Montagen ein und folge den beiden zu ihrem Haus. Dort erwartet mich eine illustre Partygesellschaft, doch die Schwestern führen mich in die Küche. Von Mittag ist fast noch ein ganzes Backhendl übrig. Ich schlinge in mich hinein. Fettiges Hendl, Persilkartoffeln, Kartoffelsalat. Dazu serviert man mir köstliches, kühles Bier.
Als ich endlich voll bin, nimmt mich Clarissa an der Hand. Ich folge ihr ins Bad. Dort wartet eine Wanne voller heißem Wasser und Schaum bis über den Rand auf mich. Ich entledige mich meiner Klamotten und lasse mich hineinsinken. Mit einem weichen Schwamm reinig Clarissa meinen geschundenen Körper. Jacqueline bringt mir eine fette Zigarre und gibt mir gekonnt Feuer.
“Ab jetzt kannst du ja nach dem Angeln immer bei uns vorbei kommen”, säuselt die eine. “Das ständige Stemmen der schweren Karpfen ist sicher seeehr anstrengend.”
“Darauf kannst du Gift nehmen”, sage ich und blase den Rauch der Zigarre aus, während ein Stückchen Asche zischend am Schaum in der Wanne erlischt.
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Tag 6  – Was würde Chuck tun?

Aufgeweckt werde ich von einem durchdringenden Piiiiiiiiiieeeeeeeeep. Ansatzloser Dauerton.

Ich fahre hoch, falle auf den Boden, renne gegen eine Wand und muss entsetzt feststellen, dass hier gar nicht meine Funkbox piept und ich mich in einem geschmackvoll eingerichteten Raum befinde. Ein großes Bett mit roter Satinbettwäsche (Hail Satin!). Wo ist mein Tackle? Wo ist mein Boot? Da dämmert es mir: Die beiden Girls haben mir einen Wecker aufs Nachtkästlchen gestellt. Bei aller Liebe, aber das hätte wirklich nicht sein müssen. Schließlich bin ich im Urlaub. Ich mach mir einen Kaffee, verlasse das Haus, durchquere den Bauernhof, streichel kurz den kleinen Hund und hau wieder ab ans Wasser. Business as usual.

So komme ich am frühen Morgen an meinen Angelplatz zurück. Kurz umgeschaut, alles noch da. Ich schaffe es gerade noch, die Montagen abzulegen. Ich falle in meine Liege und schlafe tief und fest

Wieder erwache ich erst um 11 Uhr vormittags. Ein Blick zu den Ruten – alles beim Alten. Kein Biss. Als ich die Rigs kontrolliere, liegt alles noch da wie am Morgen. Die Spots, die mir in vor Vornacht vier Bisse brachten, sind nun wie ausgestorben. Dieser See gibt mir wirklich kalt-warm. Was ist es, das das Angeln hier so schwierig macht? Ist es der gesteigerte Angeldruck? Das Überangebot an natürlicher Nahrung? Meine eigene anglerische Inkompetenz? Wahrscheinlich eine Mischung aus all dem.

Aber ich liebe es ja, wenn mich ein Gewässer vor eine Herausforderung stellt. Und noch ist nicht alles verloren. Ich habe noch eine ganze Nacht! Ich bin nun fünf Tage hier, und die einzigen Menschen, die ich sehe, bewegen sich in einigen hundert Meter Entfernung in Booten von einem Ufer zum anderen. Ich habe vier halbstarke Karpfen gefangen, zwei Bisse nicht mitgekriegt und einen weiteren Fisch verloren. Eine eher magere Bilanz.
In so einem Moment sollte sich jeder Angler die bedeutsame Frage stellen: “Was würde Chuck Norris tun?”. Ich ging alle Chuck Norris-Regeln durch, die ich kannte, bis ich bei folgender stehen blieb: “Chuck Norris geht nicht angeln, denn das beinhaltet die Wahrscheinlichkeit des Versagens. Chuck Norris geht fangen!”

Das ist es! Die Erkenntnis! Es ist alles eine Frage der Einstellung. Ich darf gar keine Zweifel darüber aufkommen lassen, dass dise letzte Nacht noch einen Fisch bringen wird. Stattdessen sollte ich schon einmal ein schönes Plätzchen für ein Siegerfoto aussuchen. Ich bin wieder bis in die Haarspitzen motiviert.

Und was ist mit meinen einst fruchtbaren, jetzt toten Spots? Chuck? “Der einzige Moment, in dem Chuck Norris jemals falsch lag, war der, als er dachte, einen Fehler gemacht zu haben.” Perfekt! Ich muss also nur konsequent bleiben. Die Spots passen schon.

Erstmals fische ich in dieser Nacht den befütterten aber bisher unbefischten Platz am Nordufer an und erhoffe mir dort einen Bonusfisch. Am späten Nachmittag liegen die Rigs, und es ist immer noch brennheiß. An meinem Süduferspot springen zwei Fische, einen kleinen Karpfen scheuche ich mit meinem Boot aus dem Kraut auf.
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Tag 7 “Besuch von der Karpfenpolizei”

Ich habe genau einen Tag und eine Nacht, um mich von der Session zu erholen und treffe früh meine letzten Vorbereitungen für das Angeln am nächsten Gewässer, um am Abend Zeit für ein Bier mit Freunden zu haben. Schön, wieder einmal mit Menschen reden zu können. Aus einem Bier werden schnell mehrere, und so geht es bis weit nach Mitternacht weiter. Am späten Vormittag wache ich in einem Bett auf, das definitiv nicht meines ist, mir aber doch bekannt vorkommt. Ein Blick zur Seite: Puh, Glück gehabt. Eine böse Überraschung bleibt mir erspart.

Irgendwann sitze ich dann doch im voll bepackten Carpmobil und fahre über die Pack in Richtung Leibnitzerfeld. Der schöne und gepflegte FZZ-See ist mein Ziel. Zuvor muss ich aber nochmal zuhause vorbeifahren, um mich umzuziehen. Leberkässemmel mit “alles” und Autofahren vertragen sich halt nicht wirklich gut.

Mein Freund Joe hat bereits zwei Nächte hinter sich und sieht mehr als mitgenommen aus. Wie es sich herausstellt, feierte er bis spät in die Nacht mit seinen Platznachbarn, die einen richtig Dicken landen konnten. Wahnsinn, was ein paar Jahre Karpfenfischen aus einem ernährungsbewussten, durchtrainierten Bodybuilder machen können. Ich kann mich noch genau erinnern, als er bei unserer ersten gemeinsamen Session nur Hühnerbrüstchen und Mineralwasser zu sich genommen hatte. Naja, die gute Nachricht ist, dass auch Joe einen schönen Fisch überlisten konnte.

Wir besichtigen meinen Platz, und ich lasse mir einige Tipps für potentielle Fischbringerspots geben. Abends kehrt Joe mit einem Topf voll köstlicher Ripperl zurück. Später gesellt sich noch Sigi von Boilie & More zu uns, der meine Boilielieferung direkt ans Wasser bringt. Das nenne ich Kundenservice. Meine Rigs sind mittlerweile positioniert: Einmal Freiwasser, einmal Seerosenfeld, einmal eine ufernahe Bucht. Das sollte doch klappen!

Ich bin todmüde und schaffte es nicht einmal mehr, einen hochinteressanten Carpworld-Artikel über unterschiedliche Schnurfarben zu Ende zu lesen, bevor mir die Augen zu fallen.

Plötzlich werde ich unsanft von meiner Liege gerissen. Zwei uniformierte Gestalten zwingen mich zu Boden und legen mir Handschellen an. “Karpfenpolizei!”, schrie der eine. “Sie sind vorläufig festgenommen!” Die beiden führen mich zu einem provisorisch aufgebauten Pelzer Bunker. Darin ein Bivvytable und zwei Carpchairs. Soll wohl so eine Art Verhörraum sein. Man weist mich an, Platz zu nehmen.

Der eine Bulle, ein kleiner, dickerer mit Schnurrbarrt, knallt mir einen Ordner mit Akten auf den Tisch. “Polsinger”, sagt er. “Wir sind ihnen schon lange auf der Schliche, aber weil sie die Wochenenden mit schönem Wetter für gewöhnlich meiden, hatten wir nie Gelegenheit, Sie uns vorzuknöpfen.”

Ich hatte einen Fehler gemacht. Wie konnte ich auch nur an einem Wochenende an einem so genannten “Szenegewässer” aufkreuzen? Der andere Bulle, ein großer mit kurz geschorenen Haaren, kramt eine Liste hervor. “Unseren Aufzeichnungen nach sind ihre Banksticks bei 100 Prozent Ihrer Sessions so angeordnet, dass die vorgeschriebene parallele Ausrichtung ihrer Ruten von mindestens 45 Grad gen Himmel vollkommen unmöglich ist. Zudem verwenden Sie regelmäßig im Rahmen einer einzigen Session Ruten und Rollen verschiedener Hersteller. Damit verstoßen Sie gegen Paragraphen 6a des Carphunter-Einheitsbreigesetzes.”
“Aber damit will ich mich ja nur auf die unterschiedlichen Gegebenheiten am Wasser…”
Der größere unterbricht mich harsch. “Blödsinn! Wir wissen, was Sie vorhaben. Sie raten jungen Nachwuchshuntern ab, sich als ersten Ausrüstungsgegenstand ein Rodpod zu kaufen. Sie verbreiten die dreckige Lüge, ein guter Boilie würde kein ausgewogenes Aminosäurenprofil brauchen. Sie konfrontieren andere mit der Tatsache, dass man während der schwülen Sommernächte eigentlich kein Zelt braucht. Und was soll dieses Stein-statt-Blei-Ding überhaupt? Zudem haben Sie sich kritisch gegenüber drei unserer gewinnbringendsten Werbefiguren geäußert. Wenn das jeder so machen würde, wäre unser Imperium im Nullkommanix den Bach runter!”

Ich bin einigermaßen erstaunt: “Welches Imperium?”
Die beiden sehen sich vielsagend an . Dann beginnt der kleinere zu erzählen: “Vor etwa 60 Jahren hatte unser aller Großmeister eine Vision. Eine Idee, wie er es schaffen könnte, dass Männer zwischen 20 und 60 weit über 50 Prozent ihres monatlichen Einkommens in unser Unternehmen pumpen würden. Und das alles ohne Gegenleistung. Naja, bis auf ein paar billigst produzierte Ausrüstungsgegenstände. Die Wirren des zweiten Weltkrieges waren die perfekte Gelegenheit, um mit der Operation Carphunter zu beginnen. Dann kam der erste Versuch mit Dick Walker und seiner Clarissa, und der schlug ein, wie eine Bombe. Das zeigte uns, dass wir starke Werbefiguren brauchen. Unsere Marketingabteilung war sehr kreativ: Chis Yates, Rod Hutchinson, Andy Little, Tom Dove… Es ist im Prinzip wie bei einer Boyband. Für jeden Mädchentyp ist eine passende Identifikationsfigur vorhanden.”

Ich kann es kaum glauben: “Und was mit mit Terry Hearn? Und Danny Fairbrass?”
Da beginnen die beiden zu lachen.
“Fairbrass ist nicht mal ein Mensch”, sagt der größere. “Wir losen jede Woche aus, wer diesmal das Fairbrass-Kostüm anziehen muss.”

Ich erwache erst spät am Morgen. Die Kerle mussten mir KO-Tropfen oder sowas eingeflößt haben, um meine anglerischen Fähigkeiten einzuschränken, denn ich ich kann mich nicht erinnern, was danach noch passierte. Anscheinend bin ich mit einer Verwarnung davongekommen. Ich stehe auf und arrettiere erst einmal meine Banksticks. Man weiß ja nie…

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Tag 8 – Einfach nur Karpfenangeln”

Ein neuer, warmer Tag bricht an, und wir ändern unsere Taktik komplett. Es sieht so aus, als ob die Fische nicht wirklich in Fresslaune wären, denn schließlich bin ich seit meiner Ankunft der einzige Angler am ganzen See, er überhaupt Fischkontakt hatte. Also muss wohl oder übel nachgeholfen werden.
An dieser Stelle möchte ich folgendes Zitat von Karpfenanglerlegende Richard Walker zum besten geben und damit auch gleich das Geheimnis der Überschrift dieses Beitrags lüften:
“Geistige Faulheit ist der Tod jeder Angelmethode.“ Na, gecheckt?
Der erste Schritt besteht im Auffinden neuer Spots. Verschi und wirbeschließen, mit vier Ruten in unterschiedlichen Distanzen das Freiwasser zu beackern und die restlichen zwei Montagen ganz knapp an der Uferkante abzulegen.

Auf die Vorfächer ziehen wir große PVA-Bags mit einer hochattraktiven Mixtur, bestehend aus Groundbait, Ölsardinen, Dosenmais, Sonnenblumenöl und zerkleinerten Boilies. Dazu kommen Forellenpellets, die die Flüssigkeit aufsaugen und an das warme Wasser weitergeben solle. Auf diese Weise wollen wir interessante Fische sofort auf unseren Hakenköder aufmerksam machen.

Nachdem alles vorbereitet ist, ist es Zeit, den Plan in die Tat umzusetzen. Peinlichst genau legen wir in Teamwork die Ruten ab und sind vom ersten Moment an gespannt. Kaum zwei Stunden hakt Verschi seinen ersten FZZ-Karpfen im Freiwasser. Der Bulle setzt sich sofort im Kraut fest, doch nach einem spannenden Bootsdrill kann Verschi ihn fürs Foto präsentieren. Mit 16 Kilo keiner der kleinen Fische.

Die Taktik geht wenig später erneut auf. Wir beobachten gerade einige Karpfen, die in der Mitte des Sees immer wieder die Oberfläche durchbrechen, als uns der Dauerton von Verschis zweiter Freiwasserrute unterbricht. Wieder müssen wir ins Boot, um den Fisch zu bändigen, doch der Aufwand lohnt sich und ein weitere massiver Spiegler – etwa einen Kilo leichter als der vorige – wird sicher gelandet und zeigt uns, dass wir mit unserer Taktik goldrichtig liegen.

Ich wache auf und meine Funkbox piepst durchgehend. Doch ich bin zu “tramhapert”, um zu kapieren was los ist und beginne im Halbschlaf auf dem Receiver herumschlagen. Auf seltsame Weise bilde ich mir ein, mein Bissanzeiger spinnt und liefert mir einen Fehlalarm. Nachdem ich es nicht schaffe, das blöde Ding zum Schweigen zu kriege, schäle ich mich dann doch aus dem Schlafsack, um bei den Ruten nach dem rechten zu sehen. In aller Ruhe ziehe ich mir die Crocs an und überlege kurz, noch schnell eine Gutenmorgen-Zigarette anzuzünden, doch das nervige Gepiepe macht die Situation zu unangenehm. Also bewege ich mich die Uferböschung nach unten, wo mir ein auf rotierender Spulenkopf auf einer meiner Rollen auffällt. Erst da wache ich auf: Verdammt, das ist ein Biss.
Schnell nehme ich die Rute auf, doch der Fisch ist schon weit draußen und hat zudem noch die einzige Markerboje eingesammelt, die wir zur groben Orientierung gesetzt haben. Also rein ins Boot und ab zum Fisch. Unterwegs entdecke ich , dass ich die Schnur der Boje hoffnungslos in meine Hauptschnur verstrickt hat. Ich schaffe es, das Ankerblei der Boje abzureißen, doch der fette Knoten befindet sich noch immer auf meiner Schnur. Wenn ich jetzt weiter Schnur aufnehme, habe ich das ganze Kuddelmuddel auf der Rolle und kann eine erfolgreiche Landung des tobenden Fisches abschreiben. Also was tun?
Am Ufer erblicke ich einen Aufsichtsfischer, der meine blöde Situation schnell erkannt hat. Ich öffne die Bremse und fahre im Rückwärtsgang Richtung Ufer. Nach endlosen Minuten bin ich angekommen, und mir wird eine Schere gereicht, mit der ich den Knoten entfernen könnte. Ich starte wieder los in Richung Fisch, um die Stelle zu erreichen, auf der sich der Knoten befindet, doch ich habe Glück und der Schnursalat rutscht auf der Hauptschnur entlang Richtung Fisch, so dass ich ihn gar nicht abschneiden muss.
Der Karpfen dreht mittlerweile schon seine Runden an der Oberfläche, die rote Markerboje im Schlepptau. Die Situation erinnert an “Der weiße Hai” an die Szenen, in denen der Raubfisch mit drei roten Fässern im Schlepptau auf Tauchstation geht. Als der Fisch ermüdet, keschere ich ihn routiniert und schleppe ihn wieder Richtung Ufer, wo schon die nasse Matte wartet. Die Waage bleibt bei 14 Kio stehen, der Fisch selbst ist ein wunderschönes Exemplar und zugleich das letzte meines Urlaubs.

So Leute, das war’s von meinem unglaublichen Angelurlaub. Ich hoffe, ihr habt diesen Trip durch meine manchmal vielleicht etwas verrückte Welt des Karpfenangelns und dem ganzen Drumherum genossen. Wenn ja, checkt weiter meiner Beiträge, denn ich habe nicht vor, so schnell mit der Ferkeljagd aufzuhören!

2 Responses

  1. Moritz

    Cooler Bericht. Macht Laune selbst loszuziehen :-). Ich bin noch recht frisch dabei und hab auch keinerlei Leute im Freundes- Familienkreis, die mir da irgendwie helfen könnten. Umso spannender das hier auch zu lesen. Sag mal, kennst du wathose.de ? Ich hab die zufällig beim Stöbern nach ner gescheiten Ausrüstung gefunden. Kann man da bedenkenlos bestellen? Wo ich schonmal hier lande :-).

    Petri Heil
    Moritz

    Antworten
  2. Daniel Polsinger

    Hi Moritz,
    danke für das Kompliment!
    Wathose.de kenne ich nicht, schaut mir aber wie ein seriöser Shop aus. Btw. eine Wathose ist ein Ausrüstungsgegenstand, den ich mir jedes Jahr vornehme zu kaufen, es dann aber wieder vergesse. Vielleicht wirds ja diesmal was…

    lg
    Daniel

    Antworten

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