Schon am Flughafen hat man das Gefühl, dass dieses Reiseziel kein “normales” ist. Die Leute, die mit mir auf das Boarding warten sehen aus als ob sie den Mount Everest bezwingen wollen. Jetzt sofort. Direkt hier am Münchener Airport. Eine Modenschau der besten und teuersten Outdoormarken von Spezial-Allwetter-Niemals-Blasen-Socken bis hin zur – sicherlich mit irgendeiner futuristischen Nasa-Technik versehenen – Extremhaube, die selbst in der tiefsten arktischen Gletscherspalte noch für rote Ohren sorgen würde. Während nebenan noch zwei Männergruppen auf den Flieger nach “Malle” warten – zumindest haben sie das einige Male lautstark den restlichen Flughafenbesuchern mitgeteilt – harre ich mit meinen Mitreisenden auf unseren Flug in den ewigen Tag.

Hey ho, let´s go...

Hey ho, let´s go…

Es geht also nach Island. Für mich persönlich lange gehegter Fliegenfischertraum, allerdings nicht wegen Lachs oder Dorsch – die immer noch der Hauptgrund für den Angeltourismus in den hohen Norden darstellen. Es geht auf wilde, biestige und ja, auch große Bachforellen und arktische Saiblinge, die durchaus auch einmal die 70 Zentimeter-Marke durchbrechen können und trotzdem an Vorsicht nicht zu überbieten sind.

Nach der Ankunft in Reykjavik mitten in der “Nacht” (es ist taghell), geht es am nächsten Morgen mit einem kleinen Flugzeug via Inlandsflug nach Akureyi in den Nordosten den Landes. Dabei rückt nicht nur der Polarkreis immer näher, auch die Temperaturen fühlen sich arktisch an. Auch wenn in den kurzen Sommern hier oben normalerweise rund 15 Grad angesagt sind, hat sich der Sommer während meines Urlaubs wohl auch eine Auszeit genommen. Es hat rund fünf Grad und regnet. Mehr horizontal als vertikal. Dazu eine sehr sehr frische Brise aus dem Norden. Das bedeutet directly vom Nordpol. Marke Eisbär-Atem. Egal, ich will fischen.

Die Lodge, zumindest für die ersten Nächte.

Die Lodge, zumindest für die ersten Nächte.

Allerdings müssen bis zu meiner Lodge nochmals gut zwei Stunden mit dem Auto zurückgelegt werden. Nachdem diese in quälendem Tempo (auf der ganzen Insel gilt ausserhalb der Städte Tempo 90) bewältigt wurden treffe ich mit Guide Bjorn und den zwei weiteren Mitfischern für die nächsten zweieinhalb Tage zusammen. Es ist – surprise surprise – ein österreichisches Ehepaar, das vor kurzem in die Pension entschwand und nun einmal die isländischen FliFi-Verhältnisse austesten möchte, da beide ohnehin seit mittlerweile 30 Jahren einmal im Jahr nach Canada/Alaska flugangeln fahren.

Und dann. Dann gings endlich los. Die ersten Tagen waren wir am Fluss Brunna, der immer noch leichtes Hochwasser aufgrund der Schneeschmelze führte und kein leichter Gewässer zu beangeln war. Lange Fußmärsche über mehrere Kilometer sind hier Programm, dafür erlebt man dann eben auch unberührte Natur. Rasch konnte ich meine erste isländische Bachforelle landen, von der Größe nichts besonderes, von der Bedeutung (erster Fisch des Trips usw.) natürlich umso mehr. Ein paar weitere Fischlein folgten, ehe das Abendessen rief.

Traumhafte 57er Brownie.

Traumhafte 57er Brownie.

Und beim Release.

Und beim Release.

Der erste Arctic Char.

Der erste Arctic Char.

Der erste Isländer auf Trockenfliege.

Der erste Isländer auf Trockenfliege.

Die folgenden Tage an der Brunna brachten neben traumhaften Natureindrücken auch einige stattliche Fische, unter anderem eine Bachforelle mit 57 und einen arktischen Saibling mit 52 Zentimeter. Per Zufall stieß ich beim Entlanglaufen des Flußes auf eine Schule Saiblinge, die eine

"Fish on" gegen Mitternacht.

“Fish on” gegen Mitternacht.

kleine Aufstiegspause in einem ruhigen Bachzulauf der Brunna suchten. Kurz nach dem 52er konnte ich noch einen Saibling haken, der mir allerdings nach kurzem aber heftigen Drill das 18er Vorfach (!!!) entzweite. Jegliche Spekulation über Größe etc. ist wie so oft sinnlos, aber trotzdem… es dürfte ein guter Fisch gewesen sein ;-). Und auch die erste Isländer-Brownie auf Trockenfliege bescherte mir ein glasklarer Brunna-Pool während einer kurzen Sonnenphase. Kurz zum Wetter: auch wenn die Sonne schien war es relativ frisch, allerdings reichte schon ein kurzes Sonnenfenster um schwarze Mückenwolken aufsteigen, und mich mein Mückennetz aufsetzen zu lassen. Die kleinen Plagegeister haben sich nämlich scheinbar darauf spezialisiert in Nasen und Ohren zu krabbeln, was einfach… naja, ihr könnt es euch wahrscheinlich selbst denken.

Entweder Mückennetz oder arschkalt: Welcome to Iceland!

Entweder Mückennetz oder arschkalt: Welcome to Iceland!

Nach einem Wechsel der Lodge ging es an den zweiten Fluß der Reise, die Litla. Gemeinsam mit dem dazugehörenden See bekannt für kapitale Bachforellen, und auch die arktischen Saiblinge sollen hier schon ein bisschen länger den Kindergarten hinter sich gelassen haben. Allerdings zeigte sich auch das Wetter mehr und mehr von seiner pubertären Seite und zickte und bockte was nur ging. Da ich mittlerweile mit Guide Bjorn alleine unterwegs war trotzten wir – so gut und so lange es ging – den Bedingungen und nahmen die erlaubten zwei mal sechs Stunden-Sessions pro Tag voll in Anspruch. Das Bjorn mir irgendwann während dieser Tage erklärte, dass der Großteil seiner Kunden bei Wetterverhältnissen wie diesen nicht die Rute, sondern den Bademantel und das Handtuch in die Hand und den Weg nicht zum Fluß, sondern zum lodge-eigenen Hot-Tub machen würden, machte mich zwar stolz, half aber bei kältebedingten Krämpfen (ich hatte sogar – zum ersten Mal in meinem Leben – einen Krampf im Rücken) auch nur bedingt. Nun denn, was soll ich sagen, auch die Fische waren launisch, stiegen zwar kurzzeitig wie verrückt, lehnten aber Trockenfliege, Nymphe und auch Streamer kategorisch ab. Als mir am zweiten Litla-Tag nach gut acht Stunden Fischerei endlich vehementer Widerstand an der #5-Rute einen guten Gegner signalisierte war die Freude nicht nur groß. Um ehrlich zu sein stand ich laut jubelnd am Ufer als der massive 57er-Saibling mit sauber gehakter Nymphe im Kescher lag. Auch Bjorn war die Freude (und klarerweise auch Guide-Erleichterung) ins Gesicht geschrieben und wir lagen uns in den Armen. Schon komisch auch, was die Fischerei manchmal aus eigentlich fremden Menschen macht.

57er Arktischer Saibling aus der Litla...

57er Arktischer Saibling aus der Litla…

... samt dem stark vermummten Fliegenfischer.

… samt dem stark vermummten Fliegenfischer.

Leider machten die extremen Wetterverhältnisse eine erfolgreiche Fischerei am oben erwähnten Litla-See unmöglich, was sehr schade war, da hier normalerweise gegen Mitternacht ein ganz besonderes Schauspiel stattfinden soll. Kurz erklärt: der See besteht erst seit wenigen Jahrzehnten. “Das Land ist hier einfach eingebrochen” erklärt Bjorn trocken die Vorkomnisse, die in Island scheinbar so unüblich nicht sind. Egal, Fakt ist, es ist ein relativ großer aber sehr seichter See entstanden, in welchen an einer bestimmten Seite einige kalte Quellen münden. Das ganze kann man sich so vorstellen, dass es eben an bestimmten Stellen im See brodelt, wie wenn Wasser kochen würde. Nur ist es eben kaltes Wasser, dass hier durch den Boden gedrückt wird. Und darauf stehen die Saiblinge ganz ungemein. Meist gegen Mitternacht beginnt hier das Wasser doppelt zu brodeln, da sich große Gruppen von Fischen rund um diese Quellen versammeln. Und den Saiblingen folgen eben auch die großen Bachforellen, die ja immer für einen guten Bissen zu haben sind. Lange Rede, wenig Sinn: in “normalen” Nächten geht hier fischereiliches Rambazamba vom Feinsten ab. Zahlreiche Saiblinge als auch Bachforellen zwischen 60 und 74 Zentimter wurden wenige Tage vor mir an ebendiesen Stellen gelandet. Aber leider nicht von mir. Als ich mich am See versuchte wurde hier wohle eher für die Fortsetzung von “Der Sturm” geprobt und selbst die kälteerprobten Island-Fische zogen in diesen Nächten ihre kuschelige Seegras-Couch einer Eiswasserquellenparty vor und blieben dem angekündigten Spektakel fern, was auch ich nach stundenlangem Werfen gegen Wind und Wetter mit – von der dünnen Ambush-Schnur – zerschnittenen und blutenden Fingern einsehen musste.

Der letzte FliFi-Vormittag stand am Plan bevor es zurück auf die Piste, bzw. via Inlandsflug nach Reykjavik ging. Und hey, das Wetter hatte natürlich auch ein Einsehen und ließ es nochmal richtig schön krachen um mich mit Pauken und Granaten von dem Trip zu verabschieden. Ursprünglich wollten wir um halb sechs Uhr morgens starten um ein paar Stunden vor dem Frühstück zu fischen und den letzten Vormittag voll ausnutzen. Nun standen Bjorn und ich mit roten Augen (wir kamen am Vortag fischereibedingt erst gegen zwei Uhr ins Bett) vor den windgepeitschten Fenstern und entschieden uns gegen das Fischen und für ein, zwei weitere Stunden Schlaf. Frühstücksgestärkt suchten wir danachnach zwei, drei erfolglosen Pools auf, um schließlich wieder den “Magic Pool” zu besuchen, an welchem ich am Vortag den 57er Saibling landen konnte, und der zudem auch noch halbwegs windgeschützt war (ein wichtiges Argument in derartigen Momenten). Darüber hinaus stiegen die Fische an diesem langgezogenen Pool über den ganzen Tag verteilt immer wieder, somit konnte ich vielleicht sogar noch einen weiteren Trockenfliegenfisch auf dem Konto verbuchen. Als wir dort ankamen sahen wir tatsächlich zahlreiche Ringe. Schnell eine mittelgroße Klinkhamer montiert und los gings. Wahnsinn, alleine die buckelnden Fische ließen mich erzittern. Massive Fischschädel tauchten überall entlang des Pools auf, nahmen Nahrung von der Oberfläche und zeigten kurz danach noch Rückpartie und mächtige Schwanzflosse. “Wie Delfine” schoß mir spontan durch den Kopf, “Wunderschön”. Meine Fliege wurde zwar immer wieder inspiziert, die Fische stiegen auch wenige Zentimeter daneben, aber zu dem heiß ersehnten “Take” kam es nicht. Also was tun? Bjorn plädierte für ein kleineres Muster und zog eine F-Fly in Hakengröße 20 (!!!) aus seiner Box. Rasch wurde die Supersimpel-CDC-Fliege ans Vorfach geknüpft und weiter ging die wilde Werferei. Ring hier, Ring da, und plötzlich macht es BAAAAAAAAMMMMM und die bremslose Vosseler meiner #5-Ausrüstung kreischte wie eine Zwölfjährige bei einem Justin Bieber-Konzert. Das erste was Bjorn herausbrachte war “always think about the small fly!!!” Er hatte mir in den letzten Tagen immer wieder gepredigt, dass einen Fisch haken die eine, ihn dann aber auch landen, eine ganz andere Sache ist. Als gebranntes Kind hatte der Isländer schon viele strahlende Kunden im Drill gesehen, die Sekunden später mit schlaffer Schnur und verzerrtem Gesicht am Ufer standen. Ok, also eine Mini-Fliege für einen Maxi-Fisch mit stark verstimmtem Gemüt. Der Rollengriff prügelte auf meine Finger ein, kurz daruf sprang der Fisch mit voller Länge aus dem Wasser. Und nochmal. Und nochmal. Nach drei beherzten Besuchen des nicht-liquiden Raums suchte er stromauf sein Heil in der Tiefe und ließ mich das Ufer entlangstolpern. Immer wieder dachte ich “Jetzt gibt er auf”, kurz darauf riss er wieder Schnur von der Rolle, zwei Mal gingen wir dabei sogar mehr oder minder ins Backing. Und als stete akustische Begleitung: “think about the fly!!”

Ein bärenstarker Saibling zum Abschied.

Ein bärenstarker Saibling zum Abschied.

Auch im Portrait kann sich der letzte Fisch des Trips absolut sehen lassen.

Auch im Portrait kann sich der letzte Fisch des Trips absolut sehen lassen.

Als ich das footballförmige Kraftpaket endlich im Kescher sah entkam mir wie schon am Vortag ein Glücksschrei. Wunderbarer Fisch, immer noch sehr kräftig und kein Gedanke ans Aufgeben. Guide Bjorns Theorie: “Die Fische sind auf Trockenfliege deswegen so explosiv, weil sie es echt nicht glauben können, dass Du sie mit einem winzigen Fell- und Federnfetzchen so übers Ohr gehaut hast.” Hatte ich bislang so noch nie gehört und ehrlich gesagt auch noch nie darüber nachgedacht, aber ja, da könnte durchaus schon was dran sein.

Wie erwartet war dies auch der letzte Fisch des Trips und jetzt ging es wieder retour. In Reykjavik hatte ich noch ein paar Stunden, deswegen schnupperte ich einerseits ein bisschen Stadtluft, andererseits gönnte ich mir noch ein paar entspannte Momente in der bekannten “Blue Lagoon”-Therme, die höchst spektakulär inmitten kantigen Vulkangesteins liegt.

Die schräge Gesichtsmaske ist in der "Blue Lagoon" quasi Pflicht. ;-)

Die schräge Gesichtsmaske ist in der “Blue Lagoon” quasi Pflicht. ;-)

Den Rest der Zeit verbrachte ich dümmlich, aber sehr zufrieden grinsend am Flughafen und studierte  mit einem schmackhaften Viking-Bier die vielen Fotos und Videoschnippsel am Laptop. Das Ergebnis könnt ihr hoffentlich in Kürze sehen, momentan habe ich noch so meine Probleme mit dem Filmschnitt, aber das wird schon…

Abschließend sei erwähnt dass Island mich sicher nicht das letzte Mal gesehen hat, soviel ist bereits wenige Tage nach meiner Rückkehr klar…

Tight lines,

gue

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